Peter Thieme

Zu Peter Oehlmanns fotografischer Arbeit ‚Winterreise‘

Im Jahr 2005 beginnt der Fotograf Peter Oehlmann eine lange Reise.

Sie führt ihn scheinbar ziellos kreuz und quer durch Deutschland. Die Orte, die er aufsucht, findet er eher beiläufig, als Nebensache beruflicher und privater Verpflichtungen. Diese Reise findet mit Unterbrechungen statt, denn Oehlmann macht sich nur zu bestimmten Zeiten auf den Weg – es soll Winter sein.

Angefangen hat es mit diesem Reisen – wie schon erwähnt – im Januar 2005.
Ein befreundeter Fotograf fragt an, ob er ihn auf einer Auftragstour begleiten möchte. Er soll für eine deutsches Nachrichtenmagazin Schlachtfelder des vor 60 Jahren zu Ende gegangenen 2. Weltkriegs fotografieren. Einer der Orte ist Nordhausen im Harz, und dort kam Peter Oehlmann die Idee zu einer fotografischen Arbeit, die bis heute anhält, noch lange nicht zu Ende ist, und der er den Namen „Winterreise“ gab.

Damals war er verblüfft, wie scheinbar ohne jeden Bezug der nette, in den letzten 20 Jahren herausgeputzte Ort Nordhausen und die Erinnerungsstätte des Konzentrationslagers „Mittelbau Dora“, in dem in 18 Monaten 20.000 Häftlinge starben, nebeneinher existieren.

Dort findet der Fotograf einen Grundzug deutscher Mentalität: die Abwehr des Fremden, des Anderen, den Rückzug ins Private und die Bereitschaft, lieber mit „denen da oben“ zu gehen, die scheinbare Sicherheit zu wählen, durch die man sich um- und versorgt glaubt. Wenn dieser paternalistische Pakt, der auch der Obrigkeit materielle Pflichten auferlegt, nicht mehr erfüllt wird, dann rennt das Volk davon, in die vermeintlich größere Sicherheit.

Die sichtbaren Äußerungen dieser Züge der kollektiven Mentalität – es gibt auch andere, bessere – nennt Peter Oehlmann das tägliche Grauen, das Fremde im Eigenen, das Unheimliche aus der Mitte der Gesellschaft. Jedoch ist das alltägliche Grauen kein originär deutsches Problem. Und das Empfinden des Fremdseins kommt auch nicht allein aus den Schrecken der Geschichte oder den mit ironischer Distanz betrachteten sichtbaren Zeichen des Charakters einer Nation. Es hat auch damit zu tun, wie sich einer, der ein paar Jahre nach dem letzten Krieg in die Welt geworfen wurde, sich darin befindet. Was er will, was er kann, was er macht und was er nicht macht, und was er dabei empfindet.

Das sicher Scheinende könnte ein Trugschluss sein. Oehlmann fotografiert Orte, die Metaphern für Stabilität sein können und in denen zugleich das Fragile im Bestand der Gesellschaft sichtbar wird: das Haus, der Wald, der Strom, das Denkmal, das Bollwerk, die kleine Stadt, die Andacht. Ambivalenz in den Bildern.

Peter Oehlmann wird trotz des Ansatzes, der ihn zu der hier ausgestellten Arbeit brachte, kein politischer Agitator. Er ist als Fotograf eher Psychologe, feinsinniger Lichtbildner, der melancholisch und ironisch zugleich fragt, warum dieses schöne Land oft so unbehaust und abweisend erscheint. Seine Reisen im Winter durch Deutschland sind keine trotzige Abwehrhandlung gegen das sogenannte Schöne. Die kalte Transparenz dieser Jahreszeit lässt ihn seine Empfindungen klarer in Bilder bringen. Dabei spielt es auch keine Rolle, wo er sein Bilder findet, in Nord- oder Süddeutschland, Ost- oder Westdeutschland.

Finden, bevor man mit dem Suchen beginnt.

Oehlmann sieht sich in der Tradition von Fotografen wie Lewis Baltz, Robert Adams und John Davies. Das langwährende Sukzessive seiner Arbeit bringt ihn aber auch in die Nähe des Road Movies, z.B. der Filme von Jim Jarmusch oder dem frühen Wim Wenders.
Ich glaube, irgendwann unterwegs hat Peter Oehlmann den anfänglichen Rahmen seines Themas verlassen. Es kommen Bilder dazu, die knapper formuliert sind und stärker das eigene Ich des Fotografen reflektieren. Seine Bestandsaufnahmen werden poetischer, der Bildaufbau wird zur Textur und das Licht bekommt mehr Bedeutung.

Oehlmanns Fotografien sind Bilder aus unserer Gesellschaft, an deren Rändern und im scheinbar Nebensächlichen gefunden, und sie sind zugleich Selbstvergewisserungen von Empfindungen — Eindrücke einer langen Reise durch seine Gegenwart.

Rede zur Ausstellungseröffnung im Atelier für Fotografie, Berlin am 7. Oktober 2009 (mit Genehmigung des Autors leicht gekürzt)

Peter Thieme ist Fotograf und Dozent und lebt in Berlin.

 

zurück | zur Galerie